Über unsere Musik
       
        Ganz gleich, welche Lieder wir spielen –

        aus welchem Land, aus welcher Zeit, aus welchem Stil,
        und ganz gleich, wovon sie im einzelnen erzählen – es sind Lieder der Liebe.
  
        Duo CoraSon -
          Musik aus Berlin

        Mitte der 90er Jahre lud uns ein Freund in ein Konzert ein. Er benutzte
        das für uns merkwürdige Wort "Klezmer". Wir hatten keine Ahnung, aber
        wir gingen mit und erlebten beim Abschlusskonzert der "Tage der Jüdischen
        Kultur" im Berliner Metropol-Theater die großen Klezmerbands "Brave Old
        World" und "Klezmatics" und auch die Sängerin Shura Lipovsky. Es war, als
        hätte ein Blitz eingeschlagen in unsere kleine Welt und eine Verbindung
        hergestellt - wieder hergestellt, wie es sich anfühlte - zu unseren Herzen.
        Wir waren fasziniert und elektrisiert von all dem Neuen, was auf uns ein-
        strömte und hatten zugleich das Empfinden, nach Hause zu kommen in eine
        uns irgendwie bereits bekannte Welt.

        Das gleich Gefühl stellte sich ein paar Jahre später erneut ein, als wir zum
        ersten Mal Andalusien, dieses südliche Land mit seinen Zeugnissen der ehemals
        herrschenden maurischen Kultur, besuchten. Wir erfuhren, dass hier bis zum
        15. Jahrhundert Moslems, Juden und Christen friedlich miteinander gelebt
        und sich kulturell befruchtet hatten. Klinder Ausdruck dessen war die
        spanisch-jüdische Musik, die sephardischen Lieder, die wir dann über die
        israelische Sängerin Yasmin Levy kennen und lieben lernten. Sie und ihre
        Musiker interpretieren diese alten Lieder auf auf eine faszinierende moderne
        Weise. Ihre Aufnahmen wurden uns zur unerschöpflichen und inspirierenden
        Quelle. Denn von diesem Moment an, begannen wir diese Musik für uns und
        andere zu spielen. Für Gitta war das der Zeitpunkt ihre Stimme als ihr
        eigentliches Instrument zu entdecken. Martin begann seine Gitarre auf
        neue Weise zu erforschen.

        Aus der Verbindung mit den sephardischen und jiddishen Liedern heraus,
        erweiterte sich nach und nach der Kreis unserer Musik. Es traten jene Musik-
        formen in unser Blickfeld, die eine Verwandtschaft zu diesen haben:
        insbesondere der Fado, der Flamenco und die Lieder Lateinamerikas.

        Als die Juden Spanien 1492 verlassen mussten, nahmen sie ihre Musik in Exil
        und gingen dort weiterführende Verbindungen ein. Ein Teil von ihnen aber
        versuchte in Spanien oder Portugal zu überleben. Als etwas später auch die
        Mauren ausgewiesen wurden, blieben ebenfalls einige auf der Iberischen Halb-
        insel. Diese Zurückgebliebenen und auch viele Musiker der christlichen Kultur
        führten die sephardische und maurische Musiktradition fort. Im spanischen
        Andalusien enstand außerdem die spezielle Situation, dass die seit dem
        15. Jahrhundert
eingewanderten Roma ("Gitanos") einen entscheidenden
        Einfluss auf die weitere
Ausprägung dieser Musik gewannen. So entstanden
        die zwei typischen "iberischen" Musikformen, beide schmerzvoll-wehmütig
        und zugleich kraftvoll: in Portugal der Fado und in Spanien der Flamenco.
        Noch heute wird im Fado die "Mouraria", das ehemalige maurische Viertel in
        Lissabon, besungen. Sephardische Melodien finden sich im Flamenco, genauso
        wie die typischen "maurischen" Harmonie-Wendungen. Den Fado lernten wir
        vor allem über die in Portugal sehr verehrte Sängerin Amália Rodrigues
        kennen. Für den Flamenco gibt es verschiedene Quellen.

        Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert brachten Seefahrer, Soldaten und
        Auswanderer die Musik Spaniens und Portugals per Schiff in die "Neue Welt",
        nach Amerika. Hier entwickelte sie sich auf besondere Art weiter. Neue
        musikalische "Verwandte" entstanden. Hauptquellen für die Musik Latein-
        amerikas wurden für uns die argentinische Sängerin Mercedes Sosa und
        die österreichische Musikerin Christina Pluhar. Ihr verdanken wir auch
        einige italienische Lieder in unserem Programm.

        An all diesen "klingenden Gefäßen", die den Reichtum menschlicher Erfahrung
        durch die Jahrhunderte transportieren, berührt uns besonders die Bereitschaft,
        sich für Neues und Fremdes zu öffenen und das Kostbarste des jeweils anderen
        zum Teil von sich selbst zu machen. Das gibt uns nichtjüdischen Deutschen im
        21. Jahrhundert den Mut, auch unsere Perspektiven und unsere Liebe
        einzubringen.

 

        Weiterführendes unter Sephardische Musik und Ladino,
        sowie unter
Unsere Quellen.