Über sephardische Musik
              
         Wir haben gefunden, dass beim näheren Hinsehen alle Musik, die eine wahre
        persönliche Erfahrung umfasst, von der Liebe erzählt.
Und dass sich in ihr
        Schmerz, Tod und Schuld verwandeln können in etwas,
das mehr ist als Trost.

       
        Konzert im Jüdischen Musuem
            Granada

        (Konzert im Jüdischen Museum in Granada im April 2014)

       
Die Lieder, zu denen es uns besonders hinzieht, und die gewissermaßen
        das Herzstück
unseres Repertoires bilden, sind die sephardischen Lieder.

        Das sind Lieder aus der jahrhundertealten spanisch-jüdischen Tradition.
        In ihnen treffen sich auf wunderbar verdichtete Weise die Erfahrungen eines
        Daseins unter besonderen Bedingungen:
        das Leben auf fremder Erde, die dennoch Heimat wird;
        das Zusammenfließen mit anderen Völkern, Sprachen, Klängen...;
        das latente oder akute Bedrohtsein, welches immer wieder Loslassen fordert
        von Hab und Gut und geliebten Menschen;
        das starke Gewahrsein, sein eigentliches Zuhause im Geistigen zu haben,
        in der Sprache, in den Liedern...

        Diese Lieder sind wie ein edler alter Wein: gereift über viele Jahrhunderte
        und gewonnen aus kostbaren Zutaten. In ihnen verbinden sich arabische
        Rhythmen und Skalen mit spanischen Harmonien und Liedformen, und die
        kraftvoll-poetischen Worte der spanischen Sprache mit dem jüdischen Blick
        auf das Leben.
       
        Wenn im folgenden ein paar historische Fakten benannt werden, mag
        aufleuchten, was für ein Reichtum an Blickwinkeln, Schicksalen und
        persönlichen Entscheidungen
sich aus dieser Konstellation ergibt.

        S E F A R A D nennen die Juden das Gebiet des heutigen Spanien und Portugal,
        seitdem sie dort siedeln: seit etwa dem 5. Jh. vor Christus.
        Vom Jahr 711 an brachten die Mauren das Gebiet unter ihre Herrschaft,
        und für die Juden begann hier das Goldene Zeitalter unter
        arabisch-muslimischen Herrschern.
        Für fast 600 Jahre lebten Christen, Juden und Moslems friedlich neben-
        einander,
was den geistigen und künstlerischen Eliten dieser Kulturen
        erlaubte,
ihre Fähigkeiten zusammenzutun zu fruchtbarem Schaffen.
        So wurden in Toledo im 12. und 13. Jh. die großen Schriften der Menschheit
        auf
medizinischem, mathematischem, astronomischem und philosophischem
        Gebiet
aus dem Arabischen und Hebräischen ins Kastilische und Lateinische
        übersetzt –
von Gelehrten, die ebenso vielsprachig wie fachwissend waren
        und jede geistig-religiöse Enge hinter sich zu lassen vermochten.
        (Dadurch wurde der Samen für die Entwicklung von Wissenschaft im
        mittelalterlichen
Mitteleuropa gelegt, d.h. für uns)

        Mit der schrittweisen Rückeroberung des spanischen Gebietes durch
        christliche Könige
verändert sich die Situation. Mit der Vertreibung des letzten
        Mauren-Königs im
Januar 1492 aus Granada und dem triumphalen Einzug
        der Katholischen Könige
Ferdinand und Isabella in die Alhambra endet die Ära
        der Toleranz definitiv.
Ihr Dekret vom März 1492 sagt, dass jeder Jude,
        der nicht zum christlichen
Glauben konvertiert, Spanien innerhalb
        von 3 Monaten zu verlassen hat.
Wer das eine wie das andere verweigern
        wollte, wäre des Todes.


        Das Schicksal der sephardischen Juden spaltet sich in diesem Moment,
        denn jeder einzelne
von ihnen hat eine Entscheidung zu treffen,
        deren Auswirkungen unvorhersehbar sind.


        Etwa ein Drittel von ihnen (um die 300 000 Menschen, aus Toledo etwa
        gehen 36 000,
quasi innerhalb weniger Tage) wählen den Gang in die Fremde.
        Die anderen konvertieren
in Massentaufen. Viele hoffen, unter dem neuen
        Anschein irgendwie dennoch ihren alten
Lebensgesetzen weiter folgen zu
        können. Das ist der Moment, wo die Spanische Inquisition
geboren wird.
        Viele der konvertierten Juden enden in den nächsten Jahrhunderten auf
        dem
Scheiterhaufen. Andere fliehen auf dramatischen Wegen noch
        bis ins 19. Jahrhundert
aus dem Land.

        Das Schicksal derer, die Sefarad verlassen, und das von deren Nachfahren,
        ist unendlich
vielfältig. Und zugleich hat es eine erstaunliche Gemeinsamkeit:
        das persönliche Gefühl,
s e p h a r d i s c h e r Jude zu sein, die Sehnsucht nach
        der schönen alten Heimat wird über
unzählige Generationen bis teilweise
        ins 20. Jahrhundert mitgenommen, zusammen mit
den alten Bräuchen und
        Liedern und ( ! ) dem mittelalterlichen Spanisch, Ladino genannt.


        Es reicht von einigermaßen friedlicher Existenz in kleinen Kolonien in
        Nordafrika
bis zu erneuter Vertreibung aus Portugal (das naheliegende Ziel
        vieler Sepharden)
wenige Jahre später.
        Im großen Osmanischen Reich werden sie sogar willkommengeheißen.

        Sultan Bayazid wird zitiert mit der Bemerkung: „Ihr nennt Ferdinand einen
        verständigen
Monarchen..., aber er ließ sein Land verarmen und das meine
        reich werden.“
Große Gruppen von Einwanderern verteilen sich auf alle
        großen Städte der Reiches – von
Alexandria bis Istanbul, von Thessaloniki
        bis Sarajevo – und erschaffen über die nächsten
400 Jahre florierende
        Kommunen mit wirtschaftlichem Einfluß und kulturell-religiöser
Autonomie –
        bis sich in Hitlers Einflussbereich diese Nachfahren aus Sefarad buchstäblich

        in Rauch auflösen – und mit ihnen ihr lebendiges uraltes Ladino.
        Andere führt der Weg nach Frankreich, Italien, England, wo sie stärkere
        sprachliche und
kulturelle Integration in ihre neuen Lebenswelten erleben
        können. Oder nach Amsterdam
(noch heute kann man die schöne große
        sephardische Synagoge dort besuchen)
und Hamburg, wo man bleiben kann
        oder weiterfahren übers Meer in die Neue Welt,
nach Amerika, um dort wieder
        mit Spaniern zusammenzutreffen und doch noch in die Hände
der Inquisition
        zu fallen oder in Curacao (ehem . holländ. Antillen) eine sephardische Stadt

        zu bauen, die aussieht wie Amsterdam, oder sich in Acht nehmen zu müssen
        vor den
erzkatholisch gewordenen konvertierten Brüdern, die dort ihrerseits
        Städte gründen
(wie Medellin in Mexico) oder in New Yorck, Broadway
        Ecke Wallstreet eine kleine
sephardische Synygoge zu bauen, in deren Hof
        die Grabsteine
mit den spanischen Namen heute noch zu sehen sein sollen...

        Was für ein Mosaik! Jede nur denkbare menschliche Erfahrung scheint
        möglich geworden
durch das historische Nadelöhr 1492.

        Und in den Liedern, die wir heute singen, ist dieser Reichtum –
        an Abschieden, an
Sehnsucht, an Neuem – weitertransportiert worden,
        von Mund zu Ohr, von Oma zu Enkel.

        In endloser Kette bis zu uns heute hier.

        Und mit diesem Reichtum kommt diese alte Sprache zu uns, die ihrerseits
        das Gefäß und Transportmittel war für die große Fracht.
        Wer sich näher dafür interessiert, kann unter
Ladino noch weiteres
        erfahren. Wer sich
in das ganze Thema noch mehr vertiefen möchte,
        findet Musik- Literatur und Filmempfehlungen unter
Unsere Quellen.